Ich habe damit begonnen mich selbst zu umarmen. Mir vorzustellen, wie ich auf mich zugehe, mich selbst angrinse und in mir ein Gefühl tiefster Verbundenheit, Verständnis und Mitgefühl aufsteigt. Ich nehme mich in den Arm. Ich spüre, wie die Nähe mir selbst gegenüber ein warmes Gefühl in meiner Brust erzeugt. In diesem Moment weicht jegliches Bedürfnis mich selbst zu verurteilen einer puren Form von Selbstakzeptanz. Es ist als ob ich einer früheren Version meiner selbst begegnete und es somit aus einer anderen, objektiveren Perspektive betrachten könnte. Ich sehe mein früheres Ich da, überwältigt von äusseren Umständen, stehen. Ich erkenne wie es verzweifelt versucht etwas zu retten, das schon längst nicht mehr zu retten ist und wie es Einfluss auf Dinge nehmen will, die ausserhalb seines Einflussbereichs liegen. Das Herz meines früheren Ichs ist gross. Sein Handeln geprägt von guten Absichten, von einem Drang, anderen etwas abzunehmen, weil es die Traurigkeit anderer Menschen nicht ertragen kann. Damit hat sich mein früheres Ich eine scheinbar unlösbare Aufgabe aufgebürdet, in der es verzweifelt nach Halt sucht.
Diesen Halt gebe ich mir nun selbst. Ich umarme mich noch fester. Ich möchte dieses frühere Ich beschützen. Ich möchte es trösten und ihm zeigen, dass ich es mit all seinen Ecken und Kanten liebe. Ich bitte dieses frühere Ich um Verzeihung. Ich war damals zu streng mit ihm. Ich habe ihm das Gefühl gegeben, dass so wie es ist, nicht genügt und es sich zu verändern hat. Ich habe ihm den Raum, den es sich so sehnlichst wünschte, verweigert und habe jeglichen seiner Versuche auf sich aufmerksam zu machen im Keim erstickt. Ich habe ihm wenig erlaubt und viel verboten. Getrieben von meiner eigenen Unfähigkeit mich gänzlich wahrzunehmen, von meiner Strenge mir selbst gegenüber und von meinem Streben nach Perfektion gelang es mir nicht, diesem früheren Ich Liebe zu schenken. Denn in meiner damaligen Vorstellung galt es die Liebe mit einer Leistung zu verdienen. In diesem Leistungssystem galt es strenge Kriterien zu erfüllen. Die Gefühle meines damaligen Ichs hatten hier keinen Platz.
Vielleicht ist es die Tatsache, dass ich meinen Gefühlen damals so wenig Beachtung schenkte, welche sie mir heute so mächtig erscheinen lässt. Ich fühle mich meinen Gefühlen in gewissen Situationen unterlegen, als ob sie, wenn ich es nicht schaffe mich zu wehren, mein Leben dominieren könnten. Im Kampf gegen meine Gefühle werde ich mir meiner Verletzlichkeit, meiner Verwundbarkeit bewusst. Eine Eigenschaft, die ich lange mit Schwäche gleichsetzte und die es mir heute noch erschwert, mir selbst mit Liebe zu begegnen.
In diesen Momenten stelle ich mir wieder mein früheres Ich vor. Bei seinem Anblick zieht sich alles in mir zusammen. Ich kann es kaum ertragen, es leiden zu sehen und zu spüren, wie ich mit meiner eigenen Strenge für sein Leid verantwortlich bin. Doch mein früheres Ich ist nicht nachtragend. Ich lasse es mit dieser Umarmung spüren, dass ich seinen Schmerz verstehe und ihm Raum für seine Gefühle gebe. Im Gegenzug lässt mich mein früheres Ich spüren, wie es zu heilen beginnt.
Auch wenn es mir noch nicht in jeder Situation gelingen mag, meinem heutigen Ich mit Empathie und Liebe zu begegnen, dann schaffe ich dies aber vielleicht bei meinem Ich vor einem halben Jahr. Kurz darauf mag es bei meinem Ich vor drei Monaten klappen. Dann nehme ich mein Ich vor einem Monat, vor zwei Wochen, von letzter Woche in den Arm. Schritt für Schritt gehe ich auf diese vergangenen Ichs zu, gebe ihnen die Aufmerksamkeit, die sie verdient haben und bin für sie da. Mit jedem vergangenem Ich mit dem ich Frieden schliesse, gelingt es mir, mich selbst ein Stückchen mehr zu lieben. Ich treffe so auf alle vergangenen Ichs, bis ich letztendlich vor meinem heutigen Ich stehe, es in den Arm nehmen kann und es schaffe, auch diesem Ich mit Liebe zu begegnen.
Heute sind es die Momente, in denen ich über mich selbst lachen kann, wenn ich über meine eigenen Füsse stolpere. Es sind die Momente, in denen ich meine Gedanken nicht zu ernst nehme, wenn sie mir abermals die gleichen Schreckensszenarien präsentieren. Es sind die Momente, in denen ich schmunzle, weil der Trigger, den ich dachte losgeworden zu sein, wieder aktiviert wurde. Es sind auch all die Momente, in denen ich mich dafür entscheide, dass ich gerade keinen Bock auf Trübsal blasen habe und stattdessen das Leben zelebrieren möchte, in denen ich spüre, dass ich mir selbst allmählich eine bessere Freundin werde.
Und was ist mit dir, wann hast du dich das letzte Mal selbst umarmt?

