Da gibt es diesen Text, der nun schon eine ganze Weile halbfertig in meinen Notizen liegt und darauf wartet, bis ich sein Ende mit einer bahnbrechenden Erkenntnis kröne. Doch da läuft dieser Song. Sein Beat löst in mir den Drang aus, mich zu bewegen. Erst beginnt bloss mein Fuss im Takt zu wippen. Meine Konzentration schwindet dahin. Ich schliesse die Augen, nun bewegt sich auch mein Kopf, dann mein Oberkörper. Mein ganzer Körper wird in Bewegung versetzt. Ich stehe auf und beginne zu tanzen. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht, doch es fühlt sich wie früher an. Zum ersten Mal seit Langem habe ich mein eigenes Zimmer. Da ist niemand da, den es kümmern könnte, was ich tue. Niemand da, der mich bewerten könnte. Die geballte Ladung an Glücksgefühlen, die in mir hochsteigt, hat fast schon etwas rauschartiges. Vielleicht habe ich heute aber auch einfach zu viel Sonne abbekommen. Denn davon gibt es an diesem paradiesischen Ort, an dem ich mich gerade befinde, reichlich. 

Auf einen Hit folgt der Nächste. Da scheint mir meine Spotify-Playlist einen Strich durch die Rechnung zu machen; den Text werde ich heute wohl nicht mehr zu Ende schreiben. Eigentlich wollte dir davon erzählen, dass ich dachte, es wäre mein Schicksal ständig eine Last tragen zu müssen. Da schien es so viele Bereiche in meinem Leben zu geben, in denen ich einen enormen Druck verspürte leisten zu müssen und makellos zu sein. Dieser Druck löste in mir immer wieder den Wunsch aus auszureissen. Ich glaubte lange, mir nichts sehnlicher zu wünschen als diesen Druck loszuwerden. 

Rückblickend würde ich das Gegenteil behaupten. So fühlte ich mich durch die Präsenz des Drucks in Sicherheit gewogen. Er trieb mich an und schien mich so näher an meine Vision von „Perfekt“ zu bringen. Eine Vision, die geprägt von meinen eigenen unrealistischen Erwartungen nie erreichbar gewesen wäre, die ich aber als unverzichtbare Bedingung dafür stellte, um mich liebenswert zu fühlen. Eine Vision, die wenn ich ehrlich bin, viel mehr davon geprägt war, wie ich dachte sein zu müssen als von dem, was mir in meinem Leben tatsächlich wichtig war. Doch ich war nicht bereit dazu die Verantwortung für den Druck auf mich zu nehmen und schob die Schuld deshalb anderen Menschen zu. Ich begab mich gewissermassen in eine Opferrolle, indem ich mir erzählte, ich sei den Erwartungen anderer hilflos ausgesetzt und wartete darauf, dass da jemand kommt, der mich vom Druck befreite.

Aber da kam niemand. Da war nichts und niemand ausser mir selbst, das bzw. der mir die Last hätte abnehmen können. Selbst wenn ich die vermeintlichen Drucksituationen, den Job, das Land, das System hinter mir liess, nahm der Druck nicht ab. Es gelang ihm sogar mich ans andere Ende der Welt zu begleiten. Er stellte sicher, dass ich stets leistete und so meinen eigenen Wert bewies. Es dauerte eine Weile bis ich die Wut darüber, dass da tatsächlich niemand war, der mich auf märchenhafte Weise befreien würde, transformieren konnte. Mir wurde klar, dass ich aus Angst nicht zu genügen irgendwann damit begonnen hatte, mich in sämtlichen Lebensbereichen unter Druck zu setzen. Druck, der mich daran hinderte Dinge auszuprobieren, Fehler zu machen, den jetzigen Moment zu geniessen und mich so anzunehmen, wie ich bin.

Doch wenn ich es selbst bin, die diesen Druck kreiert, dann kann ich wohl auch selbst entscheiden, ihn loszulassen. Ich tue dies, indem ich mir öfters bewusst Pausen von meinen Gedanken und von den Sorgen über die Zukunft nehme. Ich habe begonnen mich gezielt mit meinem Körper zu verbinden, denn er ist es, der einen grossen Teil dieser Last zu tragen hat. Also frage ich ihn, wie er sich fühlt, beobachte wie mein Atem in ihm fliesst, gebe ihm zu verstehen, dass er sich entspannen darf und bewege ihn, wie es sich gerade richtig anfühlt.

So tanze ich also immer noch in meinem Zimmer. Ich lasse mich vom Takt leiten, werfe meinem Spiegelbild ab und zu einen verzückten Blick zu. Mir fällt eine Strähne ins Gesicht, das sieht eigentlich ziemlich hübsch aus. Ich lächle mich an, denn eigentlich mag ich mich ziemlich gut. Ich bin glücklich, ich fühle mich leicht.

Wie lange ich doch davon überzeugt war, dass wenn ich nur genügend Zeit unter genug grossem Druck bestehen könnte, er mich zu einer „besseren“ Version meiner Selbst formen würde und es mir dann endlich gelänge, mich selbst anzunehmen. Doch hätte es je eine Version gegeben, die mir genügte? Oder hätte ich mein ganzes Leben damit verbracht, etwas hinterherzurennen, das gar nicht existierte? Hätte ich so mein Glück stets nach hinten verschoben? Es mag nicht nach einer bahnbrechenden Erkenntnis klingen, jedoch habe ich erst heute wirklich verstanden, dass nicht die Erhöhung sondern die Senkung von meinem eigen kreierten Druck, mich näher dahin bringt, mich selbst entfalten, mich annehmen und diesem Text ein stimmiges Ende verleihen zu können.

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