Meine Reise geht langsam dem Ende zu. Ich bin sie angetreten, weil ich mich in meinem eigenen Lebensraum eingeengt fühlte. Dieser Raum war gefüllt mit so vielen Dingen, die ihren Zweck längst nicht mehr erfüllten, von denen ich mich aber nicht trennen konnte. Umgeben von all diesen Kisten, all diesem Ballast, der mich erdrückte, sah ich keinen anderen Ausweg als davonzurennen. Ich dachte, ich könne mir weit weg von allem Gewohnten einen neuen Lebensraum erschaffen. Als könnte ich einen leeren Raum betreten und ihn völlig neu einrichten. Ich würde ihn mit Dingen füllen, die mir heute ein Gefühl der Lebendigkeit geben. 

In Australien lebte ich noch in der Illusion, dass davonrennen tatsächlich die Lösung war. Die endlose Weite dieses Landes, die jahrhundertealten Bäume, die Fülle an Sonne und die Entspanntheit der Leute liessen mich endlich wieder frei atmen. Australien bildete für mich das Tor zu diesem neuen Lebensraum. Ein Lebensraum, dessen Existenz ich erst einmal richtig geniessen wollte, bevor ich damit begänne, ihn neu einzurichten. Meine Zeit in Australien endete mit einem Besuch bei einem ganz besonderen Menschen. Obwohl ich diesen seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, war da diese urplötzliche Verbindung. Ich spürte aus seinen Erzählungen, dass auch er damals vor etwas geflüchtet war und ich dachte für einen Moment, dass ich es ihm gleich tun könne. Doch ich hatte das Ticket für meine Weiterreise bereits gebucht und so war es an der Zeit, mich von diesem Land, dass mir endlich wieder Raum gab, doch etwas wehmütig zu verabschieden. 

In Thailand erlebte ich mich bestrebt wieder mehr Struktur und vermeintlich Sicherheit in mein Leben zu bringen. Die Disziplin, die mich im Thaiboxen antrieb, sollte ich ebenso nutzen, um diesen Raum, den ich in Australien entdeckte, neu zu gestalten. Ich öffnete also voller Elan und Tatendrang die Tür zu diesem Raum. Doch der Raum war nicht leer. Er war voll mit all den Kisten, all dem Ballast, den ich dachte zurückgelassen zu haben. Es handelte sich um exakt denselben Raum, lediglich die Tür hatte durch meine Reise nach Australien einen neuen Anstrich erhalten. Ich hatte mir selbst etwas vorgemacht, mich selbst getäuscht. Das Gefühl gefangen zu sein kam zurück, doch nochmal davonrennen ging nicht. 

Von diesem Zeitpunkt an begannen sich die anstrengenderen Tage zu häufen. Gefühle sind bekanntlich keine Gäste, die ihren Besuch vorher ankündigen, geschweige denn, die fragen würden, ob sie erwünscht sind. So fand ich mich oft in Situationen vor, in denen ich von einem Gefühl komplett überrumpelt wurde. Da war wenig Platz in meinem Raum, um ihnen aus dem Weg zu gehen oder mich vor ihnen zu verstecken. Da gab es lediglich diese eine Ecke, in der ich mir liebevoll ein kleines Pult eingerichtet hatte. Also sass ich mich an dieses Pult und begann zu schreiben. 

Das Schreiben war mein Zugang zu meinem Inneren, zu diesen Kisten, die sich in meinem Raum anhäuften. Ich öffnete Kiste für Kiste, begann ihren Inhalt zu betrachten, zu verstehen und prüfte, wieviel Platz ich dieser Kiste in meinem Lebensraum noch überlassen wollte. Da waren leichtere Kisten und schwerere. Solche, die so prall gefüllt waren und solche, deren Inhalt ich so unsortiert vorfand, dass deren Bewältigung mich mehrere Anläufe kostete. Natürlich habe ich mich durch diese Betrachtung nicht von jeglichem Ballast trennen können. Vielmehr denke ich, dass es sich beim Sortieren des Inhalts dieser Kisten um einen lebenslangen Prozess handelt. Doch ich konnte den Platz, den diese Gefühle und Erinnerungen in meinem Leben einnahmen, drastisch reduzieren. 

Den Zugang, den ich so zu mir fand, führte dazu, dass ich begann meine verletzlichere Seite in Singapur und Malaysia zu mögen. Ich spürte, wie leicht ich mich in Gesellschaft meiner engsten Freunde fühle. Wie sie mein Leben bereichern, wie verbunden ich mich mit ihnen fühle und dass ich kein Bedürfnis mehr habe, ihnen gegenüber eine Fassade aufrechtzuerhalten. Es war so, als würden sie an die Tür meines Raumes klopfen und mich liebevoll daran erinnern, dass es Zeit für eine Pause ist. Ich verliess meinen Raum, sie nahmen mich an der Hand und wir rannten gemeinsam durch endlose Wiesen. Wir bestiegen Berge und liessen uns im Wasser für einen Moment lang schwerelos fühlen. Ich hatte schon immer Mühe mit Abschieden, doch dieser fühlte sich schmerzvoller denn je an.

Angekommen in Südkorea fand ich mich eben nicht angekommen vor. Erinnert ihr euch, wie ich mich am Ende meines Textes Der Sprung in dem Ozean voller Möglichkeiten wiederfand und wie zuversichtlich ich mich damals zeigte? Nun ja, alles in Südkorea war davon geprägt irgendetwas zu finden, das mir Halt und ein Gefühl von Sicherheit gäbe. Doch ich befand mich inmitten dieses endlosen Ozeans ohne Land in Sicht. Ich betrachtete die Leere, die durch das Loslassen der Vorstellung darüber, wie mein Leben künftig aussähe, in meinem Lebensraum zurückblieb. Anstelle mich über den geschaffenen Platz zu freuen, liess er mich in kompletter Überforderung zurück. Wie sollte ich diesen füllen? Wie sollte ich mein Leben gestalten? In welche Richtung sollte ich schwimmen? Wie konnte ich darauf vertrauen, dass da irgendwann Land käme und dass meine Puste bis dahin ausreichte? 

Ich hätte stundenlang in irgendeine Richtung schwimmen können. Ich wollte etwas spüren, selbst wenn es nur der Widerstand meines Körpers gewesen wäre, der mir gezeigt hätte, dass er eine Pause brauchte. Doch ich konnte nicht finden, wonach ich suchte. Ich hatte mich noch nie in meinem Leben in einem solch luftleeren Raum vorgefunden. Mit jedem Aspekt der Sicherheit, von dem ich mich verabschiedet hatte, liess ich auch einen Teil meiner Realität los. Südkorea bat mir nichts, an dem ich mich hätte festhalten können. Ich fühlte mich in diesem Land derart fremd, dass mir nichts anderes übrig blieb als näher zu mir selbst zu rücken, mir selbst Halt zu geben und darauf zu vertrauen, dass irgendwann Land in Sicht wäre. Ich durfte erfahren, dass die Sicherheit, die wir in uns tragen, wohl die einzige ist, die wir je erlangen können. Es ist aber auch die Einzige, die je zählen wird. Es ist die Sicherheit, dass wir für uns selbst sorgen und dass wir uns selbst trotz aller Herausforderungen, mit denen wir uns im Leben konfrontiert sehen, nie aufgeben werden. 

Ich habe mich entschieden in meinem Lebensraum ein Regal mit Einmachgläsern zu füllen. In diesen Gläsern bewahre ich Momente auf, an die ich mich irgendwann zurückerinnern möchte, sodass ich wann immer ich will meine Nase in die Gläser stecken kann und spüren darf, wie ich mich damals fühlte. Meine Blogartikel sind gewissermassen meine Einmachgläser. 

Heute möchte ich die Unsicherheit, die ich in meinen Lebensumständen zu diesem Zeitpunkt vorfinde, konservieren. Denn obwohl sie mir nach wie vor etwas Angst macht, lässt sie mich mir selbst und dem Leben näher als je zuvor kommen. Denn egal wie unbeständig der Inhalt meines Lebensraums sein mag, was immer sicher sein wird, ist, dass ich mir selbst und dem Leben stets mit einem dicken, fetten JA begegnen werde. Dabei werde ich potenzielle Erfahrungen, dem Gefühl der Sicherheit immer vorziehen. Früher war ich davon überzeugt, dass es die Dinge sind, die wir über unsere Lebenszeit in unserem Raum ansammeln, die uns reich machen. Heute habe ich für mich entdeckt, dass mich die Tatsache, dass meiner Kreativität in der Gestaltung meines eigenen Lebensraums keine Grenzen gesetzt sind, mich reicher fühlen lässt als ich mir das je hätte erträumen können.

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