Habe kurzzeitig die Lust am Schreiben verloren. Vielleicht weil ich es gewohnt bin, dass meine Texte das Endprodukt einer tagelangen, anstrengenden Auseinandersetzung mit meinem Inneren bilden. Mit dem Schreiben konnte ich diese Schwere auf magische Weise in eine wunderschöne Leichtigkeit verwandeln. Eine Leichtigkeit, die ich früher selten zulassen konnte, die mich heute aber fast schon täglich begleitet. Sie begleitet mich, weil ich sie mir selbst gönne, weil ich daran glaube, sie verdient zu haben.
Von klein auf hatte ich gelernt, nicht zu viel Raum einzunehmen, als würde ich jemand anderem mit meiner Präsenz etwas wegnehmen. Ich lernte, wie viele von uns, dass mein Wert davon abhängt, ob mich andere mögen. Je mehr Menschen mich mögen, je mehr Menschen ich gerecht werden kann, desto grösser ist mein Wert. So hatte ich es mir zu meiner Lebensaufgabe gemacht, bereits zu erraten, was andere sich von mir wünschten, bevor sie es selbst wussten. Ich dachte, dass ich mir auf diese Weise die Liebe anderer verdienen könnte. Also hatte ich damit begonnen mich in meinem Leben an den Nebenrollen, die ich in den Lebensgeschichten anderer spielte, zu orientieren. Das war auch nicht weiters schwierig. Oft war meine Aufgabe lediglich, nicht zu fest aufzufallen und mit meinen eigenen Bedürfnissen keine Umstände zu machen. Ich spielte die Partnerin, die alles mitmacht, die Freundin, die andere immer an erste Stelle stellt und die Mitarbeiterin, die stets die Extrameile rennt. Damals ging ich davon aus, dass ich anderen mit meinem Verhalten einen Gefallen täte und dass ich durch mein Aufopfern ein besserer Mensch wäre. Heute sehe ich das anders.
In Wahrheit spielte ich diese Rollen gar nicht oder zumindest nicht ausschliesslich für die anderen. Ich spielte sie, um zu gefallen, um bestätigt zu werden, um Liebe zu erhalten. Dabei merkte ich nicht, dass ich anderen etwas vorspielte, indem ich sie glauben liess, dass ich tatsächlich diese Rolle sei. Heute denke ich, dass ich ihnen so die Möglichkeit nahm, die Person, die sich dahinter befindet, kennenzulernen. Dadurch, dass ich meine Gedanken und Gefühle häufig nicht ganz ehrlich mitteilte, passte ich zwar fast überall hinein, fühlte mich aber oft unwohl, weil ich Angst hatte, dass da ein Punkt käme, an dem ich meine Rolle nicht länger spielen könnte.
Diese Angst bestätigte sich. Denn als ich vor ein paar Jahren damit begann mich intensiv mit mir selbst, meinen Bedürfnissen und meinen Träumen zu beschäftigen, stiess ich einen unaufhaltsamen Prozess an. Plötzlich war da diese innere Stimme, die mir laut und deutlich mitteilte, was ich möchte und was nicht. Fluch und Segen zugleich: Ich hatte meine Intuition wieder gefunden, konnte sie aber auch nicht länger ignorieren. Dinge, die ich dachte, dass sie zu mir passten, schienen dies nicht länger zu tun. Ich begann für mich selbst einzustehen und meine Bedürfnisse denjenigen Menschen mitzuteilen, in deren Leben ich lange bloss eine unscheinbare Nebenrolle spielte. Ich wurde sichtbar, nahm mehr Raum ein und erfuhr dabei, dass das, was mir als Kind mit auf den Weg gegeben wurde auf eine gewisse Weise seine Richtigkeit hatte. Leute begannen sich zu stören, konnten nicht verstehen, wieso ich plötzlich mehr Platz beanspruchte als früher, als würde ich ihnen damit ihren eigenen Raum streitig machen. Beziehungen gingen in die Brüche, Leute waren enttäuscht von mir und Energie für die Extrameile war keine mehr übrig.
Ich begann mich zu fragen, wie oft es mir selbst gelang mein Gegenüber gänzlich wahrzunehmen und wie oft ich Leute in meinem Umfeld unbewusst auf eine Rolle oder ein Bild reduzierte. Eine Frage, die ich mir selbst gerade in Konfliktsituationen immer wieder in Erinnerung rufe. Denn ich möchte den Menschen in meinem Leben, wie auch mir selbst, Raum dazu geben sich zu verändern, zu entwickeln und aus dem Bild, das ich von ihnen haben mag, auszubrechen. Ich möchte neugierig auf und offen für sie bleiben, sie immer wieder neu kennenlernen und wenn nötig daran erinnern, die VerfasserInnen ihrer eigenen Geschichte zu bleiben. Denn ich selbst hatte unter all den Nebenrollen, die ich im Leben anderer zu spielen begann, vergessen mich der wichtigsten Rolle überhaupt, der Hauptrolle meines eigenen Lebens, zu widmen. Wer war ich ganz allein, losgelöst von all den Rollen, die ich im Leben anderer spielte und mit denen ich mich identifizierte? Wie würde ich mein Leben gestalten, wenn niemand da wäre, der mich beobachtete und mich bestätigen könnte?
Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung wer ich bin, habe aber auch aufgehört mir diese Frage zu stellen. Nicht zu wissen wer ich bin, ist für mich das, was das Leben ausmacht. Denn das Leben bietet so viele Möglichkeiten, um auzuprobieren, zu entdecken, zu erfahren, zu spüren. Glaubte ich zu wissen, wer ich bin, würde ich mich auf viele Erfahrungen wahrscheinlich nie einlassen. Meine Entscheidungen wären von einem starren Bild meiner Person, was zu dieser passt und was eben nicht, abhängig. Nicht zu wissen, wer ich bin, hat mir in den letzten Wochen unzählige Momente beschert, in denen ich mich lebendiger und leichter als je zuvor fühlte. Ich habe mich auf Erfahrungen eingelassen, habe mich Momenten hingegeben und durfte so lernen, wie viele Dinge und Menschen mein Leben bereichern. Mein Wunsch ist deshalb, nie zu glauben, ich wüsste wer ich, aber auch wer die Menschen, die mir nahe stehen, sind und dass das Leben so eine ewige, magische Entdeckungsreise bleibt.

