Es gibt da dieses wundervolle Tool. Eine Waffe, die uns allzeit zur Verfügung steht und die für mich, in ihrer Wirksamkeit, eine Art Superkraft bildet. Ihr Einsatz bedarf nicht mehr als ein klein wenig deines Mutes, das Ergebnis verändert möglicherweise einen Teil deines Weltbilds. Ich spreche hier von der Macht des Fragens. Fragen, die das Tor dazu bilden, andere Menschen kennenzulernen. Fragen, die dir die Türen zu neuen Weltanschauungen öffnen. Fragen, die Missverständnisse oder gar Konflikte zu beseitigen vermögen. Fragen, die dir ersparen, zwischen den Zeilen zu suchen, wo es nichts zu finden gibt. Fragen, die dir Klärung verschaffen. Fragen, die anderen den Raum dazu geben, sich auszudrücken. Fragen, die als Zeichen von Demut gegenüber dem Leben und anderen Menschen symbolisch dafür stehen, dass wir bereit sind zu erfahren und nicht glauben, bereits alles zu wissen.
Obwohl es sich bei einer Frage im Grunde lediglich um eine Abfolge von einzelnen Wörtern handelt, setzen wir sie, meiner Meinung nach, viel zu selten ein. Lieber verharren wir im Ungewissen oder verschwenden gar unsere Zeit damit, uns zu erklären, was wir von Beginn weg nicht verstanden haben. Ich erwische mich selbst dabei, mir in gewissen Situationen tausend Möglichkeiten darüber auszumalen, wie etwas hätte gemeint sein können. Ich wäge dann anhand von der Person, von der die Äusserung stammte, vom Kontext, in dem wir uns zu dem Zeitpunkt befanden, von ihrer Mimik und wahrscheinlich noch unzählig weiteren, unbewussten Faktoren ab, welche meiner Interpretationen wohl am zutreffendsten ist. Denn solange ich nicht weiss, wie etwas gemeint war, kenne ich die Konsequenzen nicht, die sich daraus für mich ableiten und solange bin ich nicht in Sicherheit. Ein Alarmzustand gegen den mein Verstand mit allen erdenklichen Mitteln anzukämpfen versucht.
Während ich mir in einigen Situationen immerhin noch die Mühe mache, das Gesagte zu reflektieren, erhalte ich von meinem Verstand für die Aussagen spezifischer GesprächspartnerInnen, oft solche die ich denke gut zu kennen, in Sekundenschnelle eine fertige Erklärung. Eine Erklärung, die in mir ein Gefühl auslöst und mein Verhalten gegenüber dieser Person bestimmt. Doch dieses Gefühl basiert auf nicht mehr als auf einer wagen Annahme. Eine Annahme, die wir viel zu oft als Wahrheit annehmen. Doch wer glauben wir zu sein, um zu denken, wir wüssten wie andere Menschen, selbst diejenigen, die uns nahe stehen, tickten? Wer glauben wir zu sein, um anzunehmen, wir könnten oder müssten alles was andere sagten gleich verstehen? Wer glauben wir zu sein, um unsere eigene Realität auf andere Menschen zu projizieren? Und was hindert uns daran, aufeinander zuzugehen, nachzufragen und dazuzulernen?
Wir sind alle mit einer kindlichen Neugier geboren. Eine Neugier, die uns antreibt Neues zu entdecken, Erfahrungen zu sammeln, die Welt zu erkunden. Eine Neugier, die uns ermöglicht uns zu entwickeln. Doch irgendwann scheint ein Punkt zu kommen, an dem wir uns entscheiden, dass wir genug Erfahrungen gemacht haben, um zu verstehen, wie die Welt und die Menschen, die darin leben, funktionieren. Wir haben uns unsere ganz individuelle Realität erschaffen und leben in dem Schein einer vermeintlichen Sicherheit. Eine Sicherheit, die uns vorgibt, wir könnten die Zukunft kontrollieren. Eine Sicherheit, an die wir so sehr glauben, dass uns auch nur der kleinste Funke Unsicherheit eine riesige Angst einjagt.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich meine eigene kindliche Neugier, um den Anschein zu erwecken, ich sei kompetent und erfahren, aufgegeben hatte. Doch ich kann mich daran erinnern, wie sich das damals anfühlte. Von heute auf morgen wurde ich „erwachsen“ und habe aufgehört Fragen zu stellen. Ich habe mich dazu entschieden, alles wissen und verstehen zu müssen. Ich war überzeugt davon, dass das Stellen von Fragen ein Zeichen von Unwissen sei und dass nicht zu wissen etwas Schlechtes sei. Ich habe mich damals unbewusst dafür entschieden, meine eigene Realität als Wahrheit anzunehmen und meine Augen vor allem, was ausserhalb davon liegt, zu verschliessen. Eine Entscheidung, die mir nicht nur die Freiheit, mich zu entfalten, raubte, sondern durch die ich mich auch Schritt für Schritt ein wenig mehr vom Leben entfremdete. Ein Leben, dass ich erst durch das Loslassen meiner Realität und durch das Zelebrieren aller meiner Fragen wieder gänzlich zu lieben begann.
Heute glaube ich, dass die Menschen, die sich selbst eingestehen können, wie wenig sie über die Funktion der Welt und des Universums wissen, die reichsten sind. Denn vor ihnen liegen zahlreiche Erfahrungen und Erkenntnisse, die sie bereits sind, in ihr Leben einzuladen. Sie haben sich von dem Glauben, sie könnten alles kontrollieren, lösen können und lassen sie sich voller Vertrauen und Neugier vom Fluss des Lebens tragen.
Ich frage mich, was die Welt für ein Ort wäre, wenn wir alle weniger Behauptungen träfen und mehr Fragen stellten. Was, wenn wir neugierig auf die Dinge wären, die sich ausserhalb von unserer persönlichen Realität befinden? Was, wenn wir bereit wären, die Chancen, welche uns das Fragen eröffnet, wahrzunehmen? Was, wenn wir dadurch zahlreiche, neue Möglichkeiten für unser Leben gewännen? Was, wenn sich dadurch die Tiefe und Färbung unserer Beziehung veränderte? Was, wenn sich dadurch unser Umgang mit uns selbst veränderte? Was, wenn wir lernen dürften, dass es nicht das Fragen, sondern das Unterlassen des Fragens, ist, das uns unwissend macht?

