Eigentlich wollte ich dir einen Brief schreiben, doch dann habe ich bemerkt, dass du, als ich zu schreiben begann, ja sowieso gleich in mir aufgetaucht bist. Eigentlich wollte ich diese direkte Konfrontation mit dir vermeiden und mich lieber aus sicherer Distanz an dich wenden, denn nichts ist mir unangenehmer als die direkte Konfrontation. Deshalb habe ich in meinem bisherigen Leben bei Entscheidungen zwischen „Fight, Flight und Freeze“ auch stets die Strategie „Flight“ gewählt. Selbst wenn du mich in einer solchen Entscheidung dazu animieren wolltest, in den „Fight-Modus“ zu gehen, bin ich davongerannt. Da du dich so leicht nicht hast unterkriegen lassen und auch nach meiner Flucht noch in mir gewütet hast, habe ich mir irgendwann antrainiert, dich in Trauer zu verwandeln. Denn die Trauer hat mich darin bestärkt, dass es in Ordnung ist, mich unangenehmen Situationen zu entziehen.

Wut, ich gehe dir also schon eine ganze Weile lang aus dem Weg. Ich tue dies, weil du immer in einer solchen Wucht auftauchtest, dass ich das Gefühl hatte, dich nicht kontrollieren zu können. Ich hätte dich ja gerne frei wüten lassen, aber ich traute dir nicht zu, dass du niemanden in meinem Umfeld durch dein Mitteilen verletzen würdest. Du dachtest in den Momenten, in welchen du dich für mich stark machtest, womöglich, dass du mir damit einen Gefallen tätest. Du wolltest mich damit beschützen, mich verteidigen, meinen Raum und meinen Standpunkt sichern. Doch was du dabei nicht bedacht hattest, war, dass ich lange davon überzeugt war, dass das, was andere über mich denken, wichtiger ist als das, was ich selbst über mich denke. Wenn du andere also mit deinen Worten angegriffen und sie wütend oder enttäuscht von mir zurückgelassen hattest, hattest du mich in eine nahezu unerträgliche Situation gebracht. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass mich andere aufgrund meines Verhaltens vielleicht nicht mehr liebten, denn ich war lange davon überzeugt, dass mein Wert von dieser Liebe abhängig ist.

Wenn ich so an meine Freundschaften denke, dann fällt mir auf, wie selten ich mit Unstimmigkeiten konfrontiert werde. Manchmal denke ich zwar zu spüren, dass mein Verhalten etwas im Gegenüber auslöst, aber es bleibt praktisch immer bei einem Gefühl, konfrontiert werde ich damit fast nie. Auch ich selbst hatte lange Zeit nicht geäussert, wenn mich etwas störte oder traurig machte und so meinen Teil zu dieser Art, Dinge unter den Teppich zu kehren, beigetragen. Ich frage mich, ob wir mehr Angst davor haben die Gefühle anderer zu verletzen oder davor, das Gefühl nicht aushalten zu können, wenn wir tatsächlich jemanden verletzt haben? Weshalb bewerten wir Unstimmigkeiten als etwas solch Negatives und sehen sie nicht als Chance dafür an, etwas über uns selbst und unser Gegenüber zu lernen? Weshalb verbinde ich dich, meine Wut, mit Scham und weshalb fürchte ich mich vor dem Bild, das von mir entstehen könnte, wenn ich über dich spreche? Wie authentisch sind wir und wie tief sind unsere Freundschaften tatsächlich, wenn wir uns aus Angst davor, dass wir mit gewissen Gefühlen nicht akzeptiert oder womöglich sogar allein gelassen werden, nicht trauen all unsere Gefühle zu teilen?

Lange habe ich in Freundschaften Harmonie vor Authentizität gestellt. Ich habe Enttäuschung, Wut und Trauer für mich behalten, weil ich Angst davor hatte, dass meine Freunde damit nicht umgehen können. Ich hatte zu wenig darauf vertraut, dass sie bleiben und ihnen nicht einmal die Chance gegeben, mir zu beweisen, dass sie mich auch mit weniger harmonischen Emotionen liebten. Emotionen, die meist gar nichts mit ihnen sondern einzig mir zu tun hatten. Gleichzeitig hat das Unterdrücken von dir, meine Wut, dazu geführt, dass Verspannungen in meinem Kiefer sich auf mein Gehör ausgewirkt haben. Wie immer habe ich versucht, dich zunächst in Trauer zu verwandeln, indem ich in eine Opferrolle geschlüpft bin. Ich habe mir erzählt, dass der Druck auf meinen Ohren deshalb nicht verschwindet, weil alle Menschen, die mir nahe stehen, mir immer wieder ungefragt ihre Meinung zu meinen persönlichen Angelegenheiten an den Kopf knallen. Ich hatte so fest daran geglaubt das Opfer von Übergriffen anderer Menschen zu sein, dass ich mich irgendwann dazu entschieden habe, mich zurückzuziehen. Ich dachte, wenn ich keine Ratschläge mehr höre, dann fällt der Druck von meinem Gehör und meinem Kiefer ab. Falsch gedacht – vielleicht ging es nicht darum mich vor äusseren Meinungen zu schützen, sondern darum nicht auf dich hören zu müssen.

Liebe Wut, es ist mir nicht gelungen, dich in Trauer umzuwandeln. Je mehr ich mich gegen dich wehre, je mehr ich dich verstecken will, desto mehr scheinst du anderen aufzufallen. So hast du in mir eine „Mini-Fight-Reaktion“ ausgelöst, bei der ich das Bedürfnis habe, alle, die mir Ratschläge erteilen, doch etwas schroff darauf hinzuweisen, dass diese eindeutig nicht erwünscht sind. Doch ich bin doch gar nicht wütend auf die anderen. Ich bin wütend auf mich selbst. Denn trotz aller Veränderungen, die ich den letzten Wochen in meinem Leben unternommen habe, schlummert immer noch etwas in mir, das mich davon abhält, mir zu erlauben, mich zu zeigen wie ich bin. Ein Etwas, das du, meine liebe Wut, schon früh bemerkt hast. Ein Etwas, das ich selbst aber erst vor ein paar Tagen wahrnehmen konnte und ein Etwas, für das ich wohl erst durch das Verfassen dieses Textes die alleinige Verantwortung übernehmen kann.

Wut, ich nehme dich wahr. Du scheinst da zu sein, um mir zu zeigen, dass ich mich auch noch vom letzten Funken Widerstand in mir lösen muss. Du lässt mich spüren, was dieser Widerstand mit mir macht, wie fest ich mich an ihn klammere und dass es an der Zeit ist, ihn gehen zu lassen. Ich kann mich nicht gegen das Empfinden von dir, meine Wut, wehren und das ist gut so. Ich möchte nicht länger gegen dich ankämpfen, denn vermutlich bist du sogar die Emotion, die mir am meisten über mich selbst verrät. Mit jedem Mal, mit dem ich versucht habe dich zu verändern, habe ich gleichermassen versucht mich selbst zu verändern. Ich habe nicht nur dich, sondern auch mich selbst verneint und nicht realisiert, dass ich dich als Ausrede dafür benutzt habe, um mich nicht zeigen zu müssen. Ich habe dich erzeugt und ich habe mich an dir festgehalten. Jetzt lasse ich dich los und verzeihe mir dafür, dass ich andere dafür beschuldigt habe mir nicht zu erlauben, zu sein, wer ich sein möchte, wenn ich doch selbst die ganze Zeit die einzige Person war, die mich daran gehindert hat diese Person zu werden.

  • Wie äussert sich die Wut in dir?
  • Wie gehst du mit der Wut um? Gibst du ihr Raum, sich zu entfalten?
  • Nimmst du wahr, was sie dir über dich mitzuteilen hat?
  • Gelingt es dir die Wut wieder gänzlich loszulassen?

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