2023, du warst vom Loslassen geprägt. Dem Loslassen von Vorstellungen darüber, wie mein Leben aussehen wird. Dem Loslassen von dem Glauben daran, es gäbe den einen Job, den einen Menschen, den einen Weg, die eine Wahrheit. Dem Loslassen von Ängsten, Glaubenssätzen und Erwartungen. Dem Loslassen von den Teilen meines Selbst, die mir längst nicht mehr dienten.
Habe mich dem Loslassen verschrieben, weil ich gewissen Gedanken, Dingen und Umständen so viel Gewicht beimass, dass sie begannen den Lauf meines Lebens zu diktieren. Habe losgelassen und Verantwortung für mein Leben übernommen. Habe mir ein Leben kreiert, das ich liebe. Ein Leben, das mich inspiriert. Ein Leben, das mich berührt. Ein Leben, indem Erfolg nicht mit Reichtum, Status oder Sicherheit gleichzusetzen ist. Ein Leben, das sich für mich echt anfühlt. Ein Leben, in das ich mich jeden Tag mit Freude stürzen möchte.
Dieses neue Lebensgefühl war für mich der Beweis dafür, dass mich das Loslassen, egal wie schwierig oder unangenehm es sich manchmal anfühlte, näher zu mir brachte. Das Loslassen war Teil meines Lebens geworden und ich war stolz darauf, zu spüren, dass ich mich prinzipiell, so vermutete ich es zumindest, von allem lösen konnte, wenn es denn notwendig war.
Was ich nicht ahnte, war, dass ich mit meiner neuen Art, wie ich mein Leben gestaltete, dem ein oder anderen wohl eine Heidenangst einjagte. Plötzlich wurde ich von den gleichen Leuten, die mich dazu drängten, mich von Abhängigkeiten zu lösen, dafür verurteilt, dass ich Dinge zu schnell losliess. Ich war verwirrt. Gab es da eine Schwelle, nach der wir, wenn wir sie überschritten hatten, Dinge zu leichtfertig gehen lassen? Hatte ich diese Schwelle übersehen? War ich dadurch zu einem schlechten Menschen geworden?
In unserer Gesellschaft scheint es eine ganz bestimmte Vorstellung darüber zu geben, wie das Loslassen gestaltet werden und wie es sich anfühlen sollte. Während sich unseren Vorfahren die Möglichkeit loszulassen wohl in vielen Bereichen entzog, scheint meine Generation regelrecht auf das Loslassen zu pochen. Eine einzige „Red Flag“ dient als Rechtfertigung dafür, einen Menschen, Umstände und Situationen ohne mit der Wimper zu zucken hinter sich zu lassen. Und die, die dies nicht tun, die, die verzeihen, die, die andern eine zweite Chance gewähren, werden als die Schwachen und Blöden dargestellt, die selbst Schuld sind, wenn sie wieder enttäuscht oder verletzt werden.
Ich kenne dieses Schwarz-Weiss- oder in diesem Fall, Rot-Grün-Denken nur zu gut. Bin Meisterin darin, ultimative Aussagen zu treffen und diese nach einem Monat (manchmal dauert es auch nicht länger als eine Woche oder ein Tag) zu revidieren. Für einen Moment lang mag sich der Beschluss, etwas nie wieder zu tun, sich nie wieder auf etwas einzulassen, wie ein Befreiungsschlag anfühlen. Was zum Akt der höchsten Selbstachtung gekürt wird, ist im Grunde nicht mehr als eine Einschränkung der eigenen Lebensgestaltung.
Ich glaube nicht daran, dass es eine Schwelle gibt, an der es klar Zeit ist, um loszulassen. Geschweige denn, wenn es denn auch eine gäbe, dass sich diese bei allen Menschen an der gleichen Stelle befände. Ich glaube nicht daran, dass es beim Loslassen ein Richtig oder Falsch gibt. Ich glaube ebenso wenig, dass es nach dem Loslassen kein Zurück mehr gibt. Ich glaube nicht, dass das Loslassen bedeuten muss Dinge, Menschen oder Umstände für immer aus dem Leben zu verbannen. Vielleicht bedeutet das Loslassen vielmehr, unseren Fokus und unsere Energie für so lange, wie wir es brauchen, von etwas zu lösen. Uns selbst auf diese Weise mehr Raum zu geben. Ich glaube, dass wir freier wären und weniger Angst hätten, wenn wir uns von unserer starren Vorstellung vom Loslassen trennen würden und uns ohne Erwartungen auf das einlassen würden, was es in uns tatsächlich zurücklässt. Denn so manche Sache, mancher Mensch und mancher Umstand, den ich losgelassen hatte, ist in mein Leben zurückgekehrt und bereichert heute mein Leben auf eine ganz neue Art und Weise. Und die, die es nicht taten, haben Platz für das, was nach ihnen kommt, geschaffen.

