Verspüre schon seit einiger Zeit die Lust, über meine Erfahrungen mit der intermedialen Kunsttherapie zu berichten. Ich betone „meine Erfahrungen“, weil das erste Studienjahr bewusst auf Selbsterfahrung beruht. Jedes Medium der intermedialen Kunsttherapie, sei es das visuelle Gestalten, die Poesie, die Musik, das Theater, der Tanz, öffnet eine neue Welt und erlaubt auf seine ganz eigene Weise, in Prozesse einzutauchen. Vielleicht werde ich irgendwann einmal mehr über die Theorie dahinter erzählen. Vorerst behalte ich mir aber das Recht vor, hier auf meiner kleinen Wohlfühlinsel, einzelne Momente, in denen ich in Kontakt mit dem „Dritten“ (das Abwesende, das Unvorhersehbare, die Situation an der Schwelle), wie wir es in der Kunsttherapie nennen, gekommen bin, herauszupicken.
Im letzten Seminar wurde uns mit dem Medium Theater eine riesige Spielwiese geboten. In uns sollte die Lust am Ausprobieren, Improvisieren, Ausbrechen, Spielen und Rollen einnehmen geweckt werden. Wer meinen Text „Die Rollen, die wir spielen“ gelesen hat, kann sich vielleicht denken, in welchem Verhältnis ich zum Einnehmen von Rollen stehe. Dieser Konflikt zwischen mir und meinen Rollen hat sich zugegebenermassen noch etwas zugespitzt seit ich wieder einen Grossteil meiner Zeit in einem professionellen Setting verbringe. Damit meine ich nicht bloss, dass ich nach meiner Reise wieder berufstätig bin (juhe), sondern, dass ich mich tatsächlich wieder in ein Büro gewagt habe, obwohl (viele meiner Freunde können es bezeugen) ich mit der Aussage „ich werde nie wieder einen Bürojob haben“ voller Bestimmtheit meinen Schreibtisch in den Keller verbannt habe. Ich befinde mich derzeit in einem Setting, das aufgrund meiner alten Muster auch noch nach Feierabend in mir nachwirkt und mir damit mehr Energie raubt als mir lieb ist. Ein Setting, in dem ich ständig um meinen Platz kämpfen muss, wobei ich diese Herausforderung mit einer selbsterfüllten Prophezeiung wohl zum grossen Teil selbst erschaffen habe.
Die alten Muster kamen mir im Falle des Seminars allerdings zu nutzen. So drängte mich mein innerer Anspruch immer wieder dazu, mich, trotz des beklemmenden Gefühls in meiner Brust, auf das Seminar einzulassen. Es gelang mir ehrlicherweise so mittelmässig. Physisch war ich da, mental drehte sich alles um die energetischen Ressourcen, die mir momentan fehlten. Hätte ich mich mental doch immerhin an einen abgelegenen Strand beamen können, so hätte ich inmitten des Seminars nicht in meinen Tränen, sondern im Meerwasser irgendwo an der Südsee baden können. Doch da waren sie, kullerten über mein Gesicht, weil ich diese Rollen so satt hatte und niemand anders als mich selbst sein wollte, mich so sehr danach sehnte, einfach nichts sein zu müssen. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht mit Worten ausdrücken konnte, sprach durch meine Tränen. Irgendwie magisch wie Tränen wirken. Sie helfen loszulassen, zwingen uns, uns komplett vulnerabel zu zeigen und erlauben uns damit, auf eine Weise verstanden zu werden, wie ich es mit Worten noch selten erfahren habe.
Ich habe also losgelassen. Zumindest bis zu dem Moment, in welchem wir uns selbst eine Rolle aussuchen sollten, die uns über längere Zeit des Seminars begleitet. Eine Rolle, die wir schon immer einmal ausprobieren wollten. Es war wirklich unglaublich spannend und amüsant, welche Charaktere sich bei den anderen zeigten und welche Geschichten sie innert weniger Minuten entstehen liessen. Ich selbst sehnte mich so sehr nach Ruhe und Langsamkeit, dass ich einen Rentner, meinen Hari, zum Leben erweckte. Hari war gelassen, selbstbewusst und unbekümmert. Im Austausch mit anderen war er vielleicht sogar ein wenig gleichgültig. Ja, irgendwie liess er sich nicht wirklich auf die anderen ein. Im Verlauf des Seminars wurde immer deutlicher, dass er Mühe hatte, Anschluss zu finden. Er war weniger dynamisch als die anderen und wurde aufgrund seiner gemütlichen Art teilweise belächelt. Obwohl ich im Grunde nur eine Rolle spielte, spürte ich plötzlich, dass sich alt sein irgendwie schwierig anfühlt. Ich hatte das Gefühl zumindest zu einem Teil nachempfinden zu können, dass sich gewisse ältere Menschen von der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen. So kam es, dass ich gar keine Lust mehr hatte, Hari zu spielen. Ich fand schlimm, dass ich diese Person zum Leben erweckt hatte. Wieso hatte ich mir nicht jemand mit mehr Leichtigkeit erschaffen?
Am nächsten Tag hatte ich Hari immer noch an der Backe. Dieser Typ liess sich einfach nicht abwimmeln, beanspruchte so viel Platz. Spannend war, dass ich nicht die Einzige war, die in ihrer Rolle nicht das gefunden hatte, was sie sich erhoffte. Wir wurden also dazu angehalten, unseren Rollen zu ermöglichen, sich zu verändern, eine Entwicklung durchzumachen. Vielleicht gab es etwas, das die Rolle stärker zum Ausdruck bringen wollte? Etwas, das die Rolle Lust hatte auszuprobieren? Grenzen, die zu Durchbrechen waren? „Ja, sag mal Hari, was wünschst du dir?“. „Mhm, du möchtest gebraucht werden, ich verstehe. Du möchtest dich nützlich fühlen. Du möchtest dich wieder jung fühlen.“
Gepaart mit den Rollen zweier Mitstudierenden (die eine Rolle auf der Suche nach ihrer Identität, die andere nach ihrem Platz auf der Welt) sollten wir eine kleine Inszenierung vorbereiten, in welcher unsere Rollen ihre Wünsche, ihre Sehnsüchte ausleben könnten. Wir ermöglichten unseren Rollen in unserer Inszenierung möglichst viele verschiedene Dinge auszuprobieren, um sich so wieder jung zu fühlen, um zu sich selbst zu finden, um sich selbst Platz zu geben. Drei Schicksale, ein Narrativ. Doch bevor ich auf die Bühne trat, stieg aus dem Nichts ein Satz in mir auf: „Ich habe mein ganzes Leben für andere gelebt“. „Moment, Hari?! Was sagst du da? Hari, ist das dein Satz?“. Auf einmal war ich gefüllt mit Bedauern, mit Reue und dieser unglaublichen Trauer. „Hari, erzähl mir mehr davon. Hari? Hari, bist du da? Hari, was wenn das auch mein Satz werden könnte?… Hari, was willst du mir mitteilen?“ …
Ja, liebes Theaterseminar. Wie so viele Seminare davor, hast auch du ganz schön was ins Rollen gebracht. Hari und ich haben uns getrennt. Seinen Satz (oder vielleicht auch meinen Satz) hat er da gelassen. Habe diesen vorerst ins Unterbewusstsein verstaut. Da wo mich nicht ständig alles an Hari erinnert. Der Satz treibt jetzt irgendwo, ganz tief da unten, sein Wesen. Und wenn es Zeit ist, dann wird er sich zeigen, mit oder ohne Hari.

