Du wirst an einen Punkt in deinem Leben kommen, an dem dir selbst alle Szenarien, die du dir mit deinem Verstand ausmalst, nicht weiterhelfen. Sie werden hinfällig, denn du wirst es nicht schaffen, mit ihnen das gesamte Spektrum an Möglichkeiten abzudecken. Im Grunde weisst du, dass du nicht wissen kannst, vielleicht sogar nicht wissen solltest, was passiert, wenn du springst. An der Klippe stehend bleibt dir nichts anderes übrig als deinem Instinkt zu folgen. Traust du dich oder traust du dich nicht?
Ich selbst habe versucht mithilfe etlicher Bücher die Funktion meines Verstandes, die Entstehung meiner Ängste und meiner Überzeugungen zu ergründen. Ich habe meine Beobachtung geschult, mich mit kompromissloser Aufmerksamkeit meinem Innenleben gewidmet. Dieses Wissen hat es mir irgendwann ermöglicht eine Erklärung dafür zu finden, weshalb ich mich an dieser Klippe befinde. Doch die Entscheidung, ob ich ins kalte Wasser springe oder nicht, wird mir damit nicht abgenommen. Sie bleibt bei mir.
Lange habe ich in diesen Büchern nach einer Möglichkeit gesucht, mit hundertprozentiger Sicherheit die richtige Entscheidung treffen zu können. Ich dachte es gäbe einen Schlüssel, mithilfe dessen, wenn du ihn erst einmal gefunden hast, du in jeder Situation wissen wirst, welche die richtige Entscheidung ist. Dabei war ich davon überzeugt, dass eine Entscheidung existieren muss, die in ihrer Richtigkeit eine universelle Gültigkeit aufweist.
Doch kein Buch und kein Podcast vermittelten mir das Werkzeug, nach dem ich suchte. Ich konnte in ihnen weder Sicherheit noch Halt finden. Meine Frustration darüber, dass sich mir zwar viele Dinge offenbart hatten, mir jedoch etwas fehlte, um nun in meinem Leben aktiv etwas zu verändern, wurde zunehmend grösser. Sie ging so weit, dass ich hinterfragte, ob mir das Gelernte überhaupt irgendeinen Nutzen lieferte. Ich entschied mich, mich nicht länger mit Informationen über den menschlichen Verstand, mich nicht länger mit meinen Mustern zu beschäftigen. Ich fand mich mit der Tatsache ab, dass ich diese wohl nie werde ändern können, dass ich es nicht schaffen würde von dieser Klippe zu springen und mein Leben wie gewohnt weiterleben sollte.
Doch die Frage „Was wäre wenn?“ begleitete mich tagtäglich. Wie sähe mein Leben aus, wenn ich den Sprung ins kalte Wasser wagte? Was für eine Person wäre ich dann? Wie würde ich mich fühlen? Welchen Dingen ginge ich nach?
Das Wissen, dass da noch etwas anderes existierte und ich mich lediglich einen Sprung davon entfernt befand, führte dazu, dass ich jeden Tag zu dieser Klippe zurückkehrte. Ich stand da und sah hinab in die Tiefe, um auch nur einen Schimmer dieses anderen Lebens erhaschen zu können. Mit jedem Mal mit dem ich diese Klippe besuchte, distanzierte ich mich ein Stückchen mehr von dem, was ich damals als meine „Realität“ bezeichnete. Ich befand mich gewissermassen in einem Paralleluniversum. Mein Körper weilte zwar auf diesem Planeten, meine Aufmerksamkeit lag jedoch meilenweit von der Erde entfernt bei einem anderen Leben.
Die Anziehung der Klippe wirkte in einem solchen Maße, dass ich mich irgendwann nur noch mit Mühe am Rande dieser Klippe aufhalten konnte. Ich spürte wie der Wind in meinem Rücken mich in die Tiefe zu reissen versuchte. Auch mein Handeln wurde leichtsichtiger, oft löste ich ein Bein vom Boden und riskierte damit, das Gleichgewicht zu verlieren. Doch den Sprung wagte ich nicht.
Mein Geist hatte sich von diesem Leben schon längst verabschiedet. Es dauerte eine Weile bis es auch mein Körper nicht länger aushielt. Er gab mir sehr deutlich zu verstehen, dass er sich weigerte, länger mitzumachen. Er blockte jeglichen meiner Versuche, ihn zu kontrollieren, mühelos ab. Es fühlte sich so an, als könnte ich mich nur noch mit dem kleinen Finger an dieser Klippe festhalten. Alles in mir drängte mich dazu, zu springen, ein neues Leben zu leben.
Also nehme ich meinen ganzen Mut zusammen, schliesse die Augen und springe. Das Adrenalin setzt augenblicklich ein. Ich spüre die Kraft des Wassers um mich herum. Ich befinde mich einige Meter tief im Wasser. Es dauert, bis ich mich orientieren kann, bis ich realisiere, wo oben und wo unten liegt. Ich schwimme an die Wasseroberfläche, tauche auf. Ich blicke der endlosen Weite des Ozeans entgegen. Auch wenn ich noch keine Ahnung habe wohin ich schwimmen soll, das Gefühl, welches bei diesem Anblick in mir hochsteigt, lässt mich spüren, dass sich der Sprung gelohnt hat. Das Leben hält unendliche Möglichkeiten für mich bereit und ich bin bereit dazu, auf sie zuzuschwimmen.
Es gibt kein Werkzeug, das ich benötige, um mein Leben zu verändern. Im Grunde ist es simpel, ich habe lediglich eine Entscheidung zu treffen. Stelle ich mich meinen Ängsten oder lebe ich damit, dass ich nie erfahren werde, was passiert, wenn ich dies tue? Es gibt kein grosses Geheimnis, keine grössere Erkenntnis, die es mir bedarf, um zu springen. Ich habe alles was ich dafür brauche bereits in mir.
Womöglich fällt es uns in einer Welt, in der wir uns erzählen, dass alles schwierig, alles komplex, mit harter Arbeit verbunden sein muss, schwer zu akzeptieren, dass die Lösung für unsere Probleme simpel sein kann. Doch simpel bedeutet nicht einfach. Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass das Überwinden seiner Ängste einfach ist. Doch letztendlich fällt es zurück auf eine einzige Entscheidung: Traust du dich oder traust du dich nicht?

