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Ich spüre den Schmerz. Er schnürt mir die Luft ab, reisst an meinem Kiefer, lässt mein Herz schneller schlagen. Doch als Little Miss Perfect ist es meine Aufgabe zu funktionieren. Es ist meine Aufgabe, die anderen im Glauben zu lassen, dass ich alles im Griff habe. Das mir nichts etwas anhaben kann. Doch sobald ich von der Bühne trete, fällt meine Maske.

Ich spüre, wie sich dieses Gefühl aus weiter Entfernung langsam anschleicht. Ich merke, wie es näher kommt und mit jedem Meter wird mir klarer, wie gross dieses Gefühl tatsächlich ist. Aus der Ferne sieht im Grunde alles weniger bedrohlich aus. Steht das Gefühl direkt vor mir, so erkenne ich, dass ich keine Chance habe ihm zu entrinnen. An guten Tagen versuche ich mich zu wehren, das Gefühl mit verschiedenen Methoden, die ich über die Jahre lernen durfte, zu bekämpfen. An schlechten Tagen empfange ich das Gefühl mit offenen Armen und gebe mich ihm vollständig hin.

Trotz des Schmerzes ist es mir stets gelungen im Alltag meine Show durchzuziehen. Ich reisse Witze, klopfe freche Sprüche, versprühe Selbstvertrauen, um den Leuten gar nicht erst zu erlauben, an meiner Stärke zu zweifeln. All diese Strategien habe ich über die Jahre in mein Repertoire aufgenommen und mittlerweile spielen sie sich fast schon von selbst ab. 

Doch heute ist es anders. Der Schmerz ist zu gross. Es gelingt mir nicht mehr in meine Rolle zu schlüpfen. Ich gebe mich meinen Gefühlen hin und verstecke mich zu Hause, damit auch ja niemand mein „wahres Ich“ sehen kann. Ich fühle mich wie ein tonnenschwerer Anker, der nicht nur mich, sondern alle, die mich umgeben, in den Abgrund zieht. 

Doch vielleicht habe ich das alles falsch verstanden. Vielleicht sind die guten Tage nicht die Guten und die schlechten Tage nicht die Schlechten. Vielleicht sind die Tage, an denen ich mich diesen Gefühlen hingebe, die einzigen Tage, an denen ich mir erlaube mich selbst zu sein, an denen ich mich gänzlich akzeptiere. An diesen Tagen habe ich nichts mehr zu verbergen, ich versuche nicht mehr meine Gefühle zu verleugnen. Ich nehme den Schmerz an, spüre seine Intensität und lasse ihn wieder ziehen. Denn er ist lediglich zu Besuch, er definiert mein „wahres Ich“ nicht.

Ist dir schon einmal aufgefallen, wie stark wir davon geprägt sind, wie die Gesellschaft uns lehrt mit Gefühlen umzugehen? Schmerz ist schlecht, also vermeide ich ihn, ich renne davon. Doch was wäre, wenn wir dem Schmerz eine neue Bedeutung geben könnten? Sind unsere Empfindungen nicht viel zu komplex, um sie in gut und böse einzuteilen, zu schubladisieren und in diesem Maße zu vereinfachen? Sind wir es uns nicht selbst schuldig das ganze Spektrum eines Gefühls wahrzunehmen? Wie würden unsere Gefühle in uns wirken, wenn wir ihnen bewertungsfrei begegnen könnten?

Ich finde dich, Schmerz, unglaublich inspirierend. Wenn ich wahrnehme, wie du den Leuten in deiner reinsten Form begegnest und sie damit zwingst, dir in ihrer pursten Form zu entgegnen. Du regst sie dazu an, die Art und Weise, wie sie leben, zu hinterfragen. Bei vielen hast du es sogar geschafft, sie dazu zu bewegen, ihr Leben komplett zu verändern. Und obwohl du von so vielen Leuten gemieden wirst, scheust du dich nicht davor, immer wieder zurückzukommen. 

Schmerz, du hast mein Herz geöffnet. Du hast mich berührt, hast mich begleitet, hast geduldig darauf gewartet, bis ich dazu bereit war, dich anzunehmen. Es geht dir nicht um dich, du bist nur so lange da, wie du gebrauchst wirst. Dann lässt du los, verabschiedest dich und schaust aus der Ferne zu, was aus dem Samen, den du bei den Menschen gesetzt hast, entspringt. Schmerz, ich liebe dich, denn du hast mich gelehrt, mich selbst zu lieben. 

2 Antworten zu „Little Miss Perfect”.

  1. Avatar von Weinender_Waschbär
    Weinender_Waschbär

    „Vielleicht sind die guten Tage nicht die Guten und die schlechten Tage nicht die Schlechten.“ – Was für eine inspirierende, für mich neue, Sichtweise. DANKE für die Gedanken aus diesem Blog!

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    1. Avatar von fabiennexhug

      Vielen Dank für diesen schönen Kommentar. Du hast mir damit gerade meinen Tag versüsst!

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