Ich trage einen Teil von euch in mir. Von euch allen. Ihr habt eure Spuren in meinem Leben hinterlassen. Die Bilder von euch schwirren irgendwo in meinem Kopf herum und das Gefühl, dass bei ihrem Anblick in mir hochsteigt, liegt tief in meinem Herzen vergraben. Ihr habt mich berührt, weniger mit euren Worten, mehr mit den Gefühlen, die ihr dabei ausgesendet habt. Doch vermutlich wisst ihr nicht einmal, wie hell euer Strahlen ist, welchen Glanz euch umgibt. Wie ihr euren Funken im Leben anderer Menschen versprüht, wie dieser dort haften bleibt und vielleicht sogar ein Feuer entfacht. Ich frage mich, ob ihr wisst, was ihr bewirken könnt? Ob es Momente gibt, in denen ihr eurer Vollkommenheit bewusst seid? Bei mir hat ein einziger Moment dafür gereicht. Ein einziger Moment, in welchem ihr mir mit tiefster Authentizität und Aufrichtigkeit begegnet seid. Ein Moment, in welchem ihr mutig genug wart einem Menschen, den ihr kaum kanntet, einen Einblick in euer tiefstes Inneres zu gewähren.

Da gibt es diese junge Frau, die ihre Mutter viel zu früh gehen lassen musste. Nun hat sie ihren ganzen Mut gepackt, um ihren Traum von einem Leben in Australien wahr werden zu lassen. Ihre Mutter trägt sie in ihrer Erinnerung stets bei sich und hält sie, mit den Geschichten, die sie über sie erzählt, den Bildern, die sie von ihr teilt und den Gefühlen, die sie dabei ausdrückt, am Leben.

Da gibt es diese Frau. Eine Frau, die sich nach der Scheidung von ihrem Mann dazu entschieden hat in einem fremden Land mit fremder Sprache ein neues Leben zu starten. Eine Frau, die begonnen hat ihre eigenen Grenzen zu durchbrechen und nicht länger bereit dazu ist, sich unterschätzen zu lassen. Eine Frau, die erfahren durfte, dass es nie zu spät ist, das Leben aber auch sich selbst neu zu entdecken. Eine Frau, die heute ein Stückchen mehr daran glaubt, dass sie die Dinge schaffen kann, die sie sich in den Kopf setzt.

Da gibt es noch eine weitere Frau. Eine Frau, die so viel Wärme ausstrahlt, dass du dich bei ihrem Anblick direkt umarmt fühlst. Eine Frau, deren Gesicht an einem gewöhnlichen Tag aufgehört hat zu funktionieren. Eine Frau, die seit mehreren Monaten mit der Ungewissheit lebt, ob ihr Gesicht jemals wieder die gleiche Ausdrucksstärke haben wird, wie zuvor. Eine Frau, die dennoch eine solch grosse Zuversicht und Hoffnung versprüht, wie ich das selten bei einem Menschen erlebt habe.

Ich würde niemals behaupten eure Geschichte erzählen zu können. Doch ich wollte euch sagen, was ihr mit eurer Offenheit und mit eurem Mut in einer einzigen, flüchtigen Begegnung bewirkt habt. Ihr habt mich mit tiefer Inspiration, Ehrfurcht, Freude und Stolz erfüllt. Ihr habt mich daran erinnert, weshalb ich diese Reise angetreten bin und ihr habt mir gezeigt, dass wir durch das Teilen unserer Verletzlichkeit selbst in einer scheinbar fremden Person einen tiefen Verbündeten finden können. Auch wenn ein Teil von mir das schon immer zu wissen schien, ihr habt mir den Beweis dafür geliefert, dass wir im Grunde alle auf eine gewisse Art verbunden sind. Sei es in den Momenten, die wir gemeinsam erleben, in dem Bild, das wir voneinander tragen oder in den Gefühlen, die wir teilen.

Ich habe mich immer wieder auf die Suche nach meinen Sinngeneratoren gemacht. Als Kopfmensch, wie ich es bin, dachte ich, dass ich mit meinem Verstand rational begründen könne, welche Dinge meinem Leben Sinn verleihen. So war ich überzeugt, dass es die Dinge waren, die ich bereits mein ganzes Leben lang verfolgte, die in meinem Leben Sinn generieren mussten. Doch wenn ich in mich hineinspürte, merkte ich, dass mich diese Dinge nicht in dem Mass erfüllten, wie ich es bei Sinngeneratoren erwartete. Vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch? Vielleicht gab es nichts, dass mich je in dem Mass erfüllen würde, wie ich es hoffte? Vielleicht gehörte ich schlichtweg nicht zu den Menschen, die für etwas brennen.

Doch dann habt ihr mit eurem Funken ein Feuer in mir entzündet. Wochen nach unseren Begegnungen ist euer Bild in mir aufgekommen. Ich erinnerte mich an unsere gemeinsamen Gespräche, an die Gefühle, die sie in mir auslösten und wie sich diese in meinem Körper manifestierten. Eine unbeschreiblich wohlige Wärme breitete sich in meinem Körper aus. Das musste das Feuer sein. Mir wurde klar, dass ich gerade Zeuge davon war, wie es sich anfühlt, in etwas Sinn zu finden. Denn es sind und waren schon immer die Momente tiefster Verbundenheit mit anderen Menschen, die mich in meinem Leben auf eine unvergleichbare Weise erfüllten.

Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken. Bei den drei Frauen, die mir ermöglichten, über sie zu schreiben. Doch auch bei allen Menschen, und davon gibt es so viele, die in meinem Leben ihre Spuren hinterlassen haben. Einige von euch haben mich gelehrt, einige haben mich berührt, einige haben mich verletzt, einige haben sich mir anvertraut, einige haben mich ermutigt, einige haben mir verzeiht, einige haben mich ziehen lassen und mit einigen verbindet mich nicht mehr als ein verschwommenes Bild. Ein Bild davon, wer wir denken zu sein, ein Bild davon, wie wir vergangene Erlebnisse in Erinnerung behalten. Doch ihr alle, jeder von euch, hat mich auf irgendeine Weise geprägt. Und ihr alle seid es, die mir mit unseren Begegnungen, unseren Erfahrungen oder vielleicht auch nur mit eurem Anblick, mit eurer Art zu denken und zu handeln, immer wieder Inspiration für meine Texte liefert. Also danke dafür, dass ihr meinen Weg gekreuzt habt, selbst wenn es sich dabei nur um einen flüchtigen Moment handelte.

Eine Antwort zu „Eure Spuren in mir”.

  1. Avatar von
    Anonymous

    Ein sehr anrührender Bericht, den du verfasst hast. Er macht Mut, sich selbst zu vertrauen und du entdecken.

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