Mein Puls auf 180, das restliche Adrenalin schiesst durch meine Adern. Ich atme tief aus, habe es gerade noch geschafft. Habe gerade noch zurück in meine Hülle fliehen können bevor ich hätte verletzt werden können. Die Hülle, an der ich so hart gearbeitet habe. Mit jedem Kilometer, mit dem ich gerannt bin, mit jedem Ort, den ich alleine besucht habe und mit jeder Stunde, die ich in Einsamkeit verbracht habe, habe ich dazu beigetragen, dass diese Hülle auch nicht das kleinste Leck aufweist. In dieser Hülle fühle ich mich sicher, in dieser Hülle kann mir nichts und niemand etwas anhaben. Das Äussere dieser Hülle habe ich mit einer Fassade aus Souveränität, Bestimmtheit und kühler Distanz tapeziert. Ich bin stolz darauf, diese Hülle erschaffen zu haben. Mit ihr habe ich es geschafft, mich von allem zu distanzieren, mich von jeglicher Abhängigkeit von anderen Menschen zu lösen. Genau, wie es mir geraten wurde.
Mein Puls wird langsamer. Ich schaue umher und warte darauf, dass die Zeit verstreicht. Ich beginne mich zu langweilen. Die Intensität meiner Gefühle innerhalb dieser Hülle gleicht nicht im Entferntesten der, die ich einst verspüren konnte. Ich sehne mich nach mehr und scheine damit nicht allein zu sein. Finde mich umgeben von einem Schwarm tanzender Menschen und ihren Hüllen vor. Ich schaue ihnen dabei zu, wie sie verzweifelt nach etwas suchen, dass sie ein Gefühl empfinden lässt, dass sie selbst ohne Fremdeinwirkung nicht mehr erschaffen können. Während einige von ihnen auf diese Weise den Zugang zu ihrer Hülle suchen, geht es für andere darum, eine Möglichkeit zu finden, es in ihrer Hülle auszuhalten.
Beim Anblick der Hüllen, die uns voneinander trennen, schwindet mein Stolz über meine eigene dahin. Wie kann es sein, dass sich manche von uns aus Angst, verletzt zu werden, dazu entscheiden, die meiste Zeit ihres Lebens in einer Hülle zu verbringen? Dass sie bereit sind auf die schönsten Gefühle und das grösste Glück zu verzichten, nur um sich selbst vor Schmerz zu bewahren? Wann haben wir damit angefangen anderen Menschen grundsätzlich zu misstrauen und Vertrauen als etwas anzusehen, dass sich erst verdient werden muss?
Ich habe viel Zeit darin investiert meine Hülle aufzubauen. Eine Hülle, die mich vor denjenigen Emotionen, die ich nie mehr empfinden wollte, schützen sollte. Eine Hülle, die mir ermöglichen sollte, stets zu kontrollieren, wen ich an mich heranlasse. Eine Hülle, in der ich auf alles Äussere einen Einfluss nehmen kann. Doch anstelle davon, äussere Umstände zu beeinflussen, ist es mir lediglich gelungen meine Reaktion auf sie, durch das Betäuben meines Inneren, anzupassen. Das Endergebnis war dennoch dasselbe: Umschlossen von meiner Hülle fühlte ich weniger. Was ich nicht wusste, war, dass ich mir durch das Unterdrücken meiner Emotionen zunehmend fremd wurde. Nicht, weil ich mich mit ihnen identifizierte, sondern weil sie durch etwas getriggert erst Wochen, Monate oder Jahre später an die Oberfläche stiessen und ich nicht mehr zuordnen konnte, woher sie stammten. Doch da waren sie und stellten mich vor die Aufgabe, sie einem Ereignis in meiner Vergangenheit zuzuordnen. Eine Aufgabe, die ich zu Beginn als mühselig erachtete, heute aber als aufregend empfinde, da ich dabei immer wieder Neues an mir entdecke. Plötzlich konnte ich aus meinen Emotionen Sinn schöpfen, wodurch sie für mich von der Last zur Bereicherung wurden.
Es stellte sich heraus, dass ich die Hülle, die ich mir über die Jahre sorgfältig erschaffen hatte, nicht länger brauchte. Ich wollte mich nicht länger in ihr verstecken, hatte keine Angst mehr davor, das ganze Spektrum an Gefühlen zu fühlen. Ich sehnte mich nach tiefen Verbindungen und danach, Menschen ausserhalb ihrer Hüllen zu begegnen. Das Teilen meiner persönlichen Beobachtungen und Erkenntnisse innerhalb dieses Blogs stand für mich symbolisch dafür, dass ich dabei war aus meiner eigenen Hülle auszubrechen. Denn mit dem Veröffentlichen dieser Texte breche ich meine eigenen Tabus. Ich teile Dinge, die mir unangenehm sind und vor denen ich Angst habe, dass sie mich schwach erscheinen lassen, nur um zu erfahren, dass sich diese, sobald ich sie veröffentlicht habe, komplett relativieren. Es ist als ob sie mit einem Klick ihre Macht über mein Leben verlieren. Vor dem Teilen eines Textes scheint das Geschehene oder Gefühlte meine Identität zu bestimmen. Danach bildet es nicht mehr als eine Erinnerung. Die Welt dreht sich weiter, ich bleibe dieselbe Person.
Ich habe mich oft gefragt, was zu denken, dass es Dinge gäbe, über die wir nicht sprechen können, mit uns macht. Ich dachte, dass wir uns selbst erst annehmen können, wenn wir bereit sind alles von uns preiszugeben. Ich dachte, es sei nicht nur nötig aus der Hülle auszubrechen, sondern in ihr auch keine Geheimnisse zurückzulassen. Doch dessen bin ich mir nicht mehr so sicher. Steht und fällt es letztendlich nicht „einfach“ damit, wie viel Bedeutung wir den Dingen, über die wir nicht sprechen, zuschreiben? Vielleicht geben andere Menschen den Dingen, die sie nicht teilen, gar nicht mehr Gewicht als den Dingen, die sie teilen. Und selbst wenn, vielleicht würde das Teilen dieser Dinge bei ihnen nicht dazu führen, dass deren Gewicht abnimmt. Vermutlich sind die Dinge, die uns widerfahren, genau so einzigartig, wie die Art, wie wir sie verarbeiten. Mit dem Schreiben habe ich meine Art, mit Vergangenem Frieden zu schliessen, gefunden. Es ist meine Art, mich von der Bewertung der Dinge, die mir widerfahren sind, zu lösen. Es ist meine Art, zu würdigen, dass mich die Vergangenheit zwar beeinflusst hat, aber mein Leben nicht prägen muss. Es ist meine Art, authentisch zu sein. Es ist meine Art, in die Welt ausserhalb meiner Hülle zu treten und ich hoffe darauf, dort möglichst vielen von euch zu begegnen.

