Ich schwebe oft zwischen zwei Polen, zwei Extremen: Dem Allem und dem Nichts. Im Allem gebe ich mich gänzlich hin. Im Nichts lasse ich die Dinge, zumindest für eine Weile, komplett fallen, weil ich glaube, sie nicht länger (er-)tragen zu können. Die Existenz des „Alles“ legitimiert das Sein des „Nichts“. Denn wenn wir glauben, uns im Dienst der Dinge aufopfern zu müssen, dann scheint es logisch, dass unser System, im Sinne eines Selbstschutzes, uns irgendwann dazu drängt, die Dinge loszulassen. 

Ich habe diese Polarität satt. Obwohl ich mir inzwischen darüber bewusst bin, dass die Gefühle, die ich in einem dieser Pole empfinde, vorbeiziehen, kostet es mich unglaublich viel Kraft, die Tiefe meiner Gefühle in den jeweiligen Momenten zuzulassen. Ich frage mich schon länger, wie sich ein Ort zwischen diesen Polen, zwischen dem Allem und dem Nichts anfühlen mag. Ein Ort, an dem nicht nur schwarz oder weiss, gut oder schlecht, fight oder flight existiert. Ein Ort, der wohl schon immer da ist, dem ich, im Gegensatz zu den Polen, jedoch wenig meiner Aufmerksamkeit widme. 

Dieser Ort, ich nenne ihn „das Dazwischen“, drängt sich nicht vor. Er ist bescheiden und das, obwohl sich der grösste Teil unseres Lebens darin abspielt. Das Dazwischen fühlt sich, obwohl es schon immer existiert, neu für mich an. Es löst in mir Neugier und Unbehagen zugleich aus. Was passiert, wenn ich mich den Dingen nicht länger mit meinem ganzen Sein verschreibe? Wenn ich meinem inneren Anspruch nicht länger entspreche? Ich auf eine Art und Weise lebe, wie ich das nie zuvor getan habe? 

Das Verweilen im Dazwischen kostete mich ein Versprechen. Das Versprechen, mich für die Unsicherheit, für die Erfahrung zu entscheiden. Das Versprechen, geduldig zu bleiben. In der Hoffnung, überrascht zu werden. An manchen Tagen fühlt sich dieses Versprechen richtig an, an anderen fühle ich mich darin gefangen. Doch während die Pole um ihre Existenz ringen und mich vor all den Dingen warnen, die passieren könnten, wirkt das Dazwischen leise, wie ein Mantra, in mir. Es breitet sich aus, ohne dass ich es merke. Es manifestiert sich in immer mehr meiner Lebensbereiche. Da, wo ich mich offen zeige, dringt es ein und entfaltet sich. 

Ich halte inne – das Dazwischen fühlt sich leicht an. Hält mich schwesterlich, wohlig und warm in seiner Weite fest. Als würde ich an einem warmen Sommertag auf einer endlos weiten Blumenwiese liegen. Mir Zeit nehmen, um endlich wieder einmal richtig durchzuatmen und alles um mich herum aufzusaugen, geschehen zu lassen.

Während ich da so liege, beginne ich mich zu fragen, was die Pole wohl gerade treiben, was in ihnen vorgeht. So sehr ich den Moment im Dazwischen geniesse, die Pole beginnen mir zu fehlen. Denn sie machen das Leben so unmittelbar spürbar. Fühlen sich echt an. Sie berühren mich und zwingen mich zu bedingungsloser Ehrlichkeit. Sie brechen mich auf, für die Liebe. Die Liebe zu mir, zu anderen, zum Leben. Sie fordern von mir, meinen Gefühlen einen Ausdruck zu verleihen, zu schreiben, Kunst zu schaffen.

Vielleicht habe ich den Polen unrecht getan. Während mir das Dazwischen behutsam die Wahl lässt, geben die Pole alles dafür, um uns mit den Lehren des Lebens bekannt zu machen. Sie konfrontieren uns so lange, bis wir bereit sind, hinzusehen, mutig zu sein. Bis wir uns selbst und dem Leben aufrichtig und ehrlich begegnen. Sie bilden den Nährboden für Wachstum und sind damit mindestens so bescheiden wie der Ort, der sich „das Dazwischen“ nennt. Denn in den Momenten, in welchen ein Pol zu wirken beginnt, zeigt sich nicht mehr als rohe Erde. Nur mit Vertrauen lässt sich das, was bereits darin verborgen liegt, ein gedeihender Samen, erkennen. Ein Samen, der es uns ermöglicht, uns zu entfalten, aufzublühen, Teile von uns loszulassen und Neues daraus zu schaffen.

Die Pole können ohne das Dazwischen bestehen. Das Dazwischen bedingt jedoch die Existenz von etwas, zwischen dem es wirken kann. Und so merke ich, wie ich mich mit dem Erforschen jedes Millimeters des Spektrums des Dazwischens, ein Stück mehr mit den Polen versöhne. So lange, bis ihr Label, das „Alles“ und das „Nichts“, und sämtliche Überzeugungen, die daran haften, gänzlich verblasst sind.

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