Fragst du dich manchmal auch, wie lange dein Leben dauern wird? Wie viele Tage dir auf diesem wunderschönen, paradiesischen Planeten noch geschenkt werden? Wie viel Zeit dir bleibt, um all die Dinge zu tun, von denen du dir erhoffst, sie hüllten dein Leben in einen Schleier voll glitzernder Magie?
Die Zeit spielte für mich lange nur in einem sehr kurzfristigen Kontext eine Rolle. Habe ich heute genug Zeit, um all die Dinge, die auf meiner To-Do-Liste stehen, abzuarbeiten? Habe ich am Wochenende genug Zeit, um all meine Freunde zu sehen? Habe ich dieses Jahr genügend Freitage, um all die Länder zu bereisen, von denen ich träume?
Ein Tag, eine Woche, ein Monat, ein Jahr. Damit nahm meine Zeitrechnung ein Ende. Alles was über ein Jahr entfernt lag, befand sich in einer fernen Zukunft und so etwas wie eine Endlichkeit existierte schon gar nicht.
Doch als mir heute wieder einmal der Atem weg blieb, dachte ich für einen ganz kurzen Moment, dass es jetzt auf irgendeine Art in Ordnung wäre zu gehen. Nicht, dass mir das Ausbleiben meines Atems nicht eine Scheissangst eingejagt hätte und ich nicht an meinem Leben hängen würde. Nein, ich liebe das Leben und hoffe, dass ich noch ganz viele Tage, gefüllt mit dem gesamten Spektrum an Emotionen, mit Überraschungen und Wundern, gemeinsam mit all den Menschen, die ich so sehr liebe, verbringen darf. Aber irgendetwas in mir drin hat mich heute für den Bruchteil einer Sekunde spüren lassen, dass ich reichlich vom Leben gekostet habe. Ja, dass ich, trotz meiner jungen 27 Jahre, eine gute Vorstellung davon gewinnen durfte, was es bedeutet, das Leben in seiner Fülle und seiner Tiefe anzunehmen. Natürlich gibt es unendlich viele Dinge, die ich noch zu erfahren und zu erleben hoffe. Unendlich viele Dinge, von denen ich hoffe, noch Zeugin zu werden. Es wäre allerdings auch etwas naiv zu denken, dass wir bis zum Ende unserer Tage den Reichtum des Lebens vollends ausgeschöpft hätten. Und vielleicht sind die Dinge, die wir unter unendlichem Reichtum verstehen, in ihrem Kern letztendlich dasselbe.
Wie auch immer. Es geht mir nicht darum, jetzt über den Inhalt des Lebens zu philosophieren. Es geht mir, um diesen einen Moment. Diesen Moment, indem mir bewusst wurde, dass ich keine Angst davor habe, etwas verpasst zu haben. Dass von dieser Bucket-Liste, die viele von uns pflegen, weniger die Dinge, die darauf abgebildet sind, sondern mehr die Gefühle, die wir bei deren Umsetzung haben, entscheidend sind. Dass sie uns ein Gefühl geben, für etwas am Leben (oder wie in unserer Gesellschaft leider fast schon als Synonym zu begreifen „am arbeiten“) zu sein. Ja, wenn du dir all die Dinge, die du gerne machen würdest, anschaust und dir vorstellst, sie würden Punkt für Punkt wahr werden, was steigen da für Gefühle in dir auf?
In mir entsteht bei diesem Gedanken eine grenzenlose Weite. Eine ganz, ganz tiefe Liebe zum Leben, die sich in Form von Wärme in meinem Körper ausbreitet und meine Wangen vor Freude zum Glühen bringt. Ein Gefühl von Freiheit, dass mich, ehe ich mich versehe, zurück auf mein Surfbrett in Indonesien katapultiert. Ich sitze da und schaue hinaus in diese endlose Weite. Für einen Moment kann ich nicht fassen, wie schön es hier ist und das ich tatsächlich Teil davon bin. Während ich auf die nächste Welle warte, tauche ich Stück für Stück mehr in den Moment ein. Mein Kopf ist leer und in mir erklingt die Melodie eines Wiegenlieds, dass meine Mutter für mich sang, als ich klein war. Ich beginne es zu summen. Die Zeit steht still. Alles in mir drin lässt mich spüren, dass ich genau bin, wo ich sein soll. Und so wird aus einem endlichen Moment ein kleines Stück Unendlichkeit.
Fortsetzung folgt.

