Mir ist das Schreiben vergangen. Weil mir meine Worte bedeutungslos erscheinen. In meiner Vorstellung habe ich es nicht geschafft, mit dem, worüber ich sprechen möchte, einen Mehrwert zu leisten. Dabei weiss ich nicht einmal, wie sich dieser Mehrwert hätte äussern sollen. Auf jeden Fall, habe ich entschieden, es sein zu lassen. Die Worte loszulassen. Ihren Ausdruck anderen zu überlassen. 

Es ist ein Gedanke, der mich nicht loslässt: Ist es nicht verrückt, dass bereits diese ersten Zeilen so viel mehr aussagen als man dies zunächst vermuten könnte? Ich meine, ich könnte mich nun fragen, worüber ich denn hätte sprechen wollen. Ich könnte mich selbst damit konfrontieren, dass ich mir nicht abkaufe, dass ich nicht weiss, wie sich dieser Mehrwert hätte gestalten sollen. Ich könnte noch tiefer gehen und mich fragen, weshalb ich etwas loslasse, wenn es keinen Mehrwert mehr liefert. Und ich könnte mich mitfühlend neben diesen Anteil setzen, der da gesprochen hat, und ihn fragen, wie es sich denn anfühlt, wenn man seinen Ausdruck verloren hat.

Das Schreiben aufzugeben hat sich ein bisschen so angefühlt, wie erwachsen zu werden. Das Spielen und Explorieren wird gegen den Ernst des Lebens eingetauscht. Grund braucht es dafür keinen. Scheinbar ist es Teil des Erwachsenwerdens, dass gewisse Dinge sich nicht mehr gehören und keinen Platz mehr haben dürfen. In den Augen des Kindes muss dies keinen Sinn ergeben. Es ist eine kalkulierte, kühle, kognitive Entscheidung, die Dinge, die uns womöglich aus der Reihe tanzen lassen, aufzugeben. Tatsächlich beschleicht mich das Gefühl, dass es mehr als nur das ist. Für mich war es eine Entscheidung, mich ein Stückchen zu verleugnen, mich ein wenig mehr von meinem wahren Kern zu entfernen. All das, um ein bisschen weniger fühlen zu müssen. Um mich nicht selbst enttäuschen zu müssen. Um mich vor diesem Moment zu schützen. 

Doch kurz bevor ich einschlafe, in diesem Moment, indem mir mein Bewusstsein langsam entgleitet, spüre ich dieses leichte Kribbeln in meinem Bauch. Ganz dezent erinnert es mich daran, dass da doch noch etwas war. Ich beginne mich zu fragen, wo all die Worte, die ich losgelassen habe, wohl hin sind. Ich frage mich, ob ich denjenigen, denen ich sie überlassen habe, vertrauen kann. Ob sie ebenso sorgsam, liebevoll und wertschätzend mit ihnen umgehen. Ob es ihnen dort gut geht oder ob sie gerade Opfer eines Missbrauchs werden. Wie viele Menschen wohl genau wie ich schweigen, weil sie Angst davor haben, dass ihr Ausdruck es nicht wert ist, gesehen, gehört oder gelesen zu werden. Und wie viele Menschen stehen diesen entgegen, die kein Gedanken daran verschwenden, was sie mit ihrem Ausdruck anrichten können. 

Ich weiss wenig, aber glaube viel. Ich glaube vor allem daran, dass unser Ausdruck für unser Menschsein, um zu leben, essenziell ist. Auf welche Weise dieser Ausdruck passiert, erachte ich als irrelevant. Das Einzige was zählt, ist, dass es uns dieser Ausdruck erlaubt, das was unser Herz berührt, das was uns bewegt, nach aussen zu tragen. Während ich schreibe, mag jemand anders singen, ein Dritter tanzt, ein Vierter schreit, ein Fünfter boxt, ein Sechster weint, ein Siebter betet. Es ist alles ein und dasselbe, eine Veräusserung deines Selbst. Doch um unsere Sprache zu finden, brauchen wir etwas Mut. Wir müssen uns erlauben, uns berühren zu lassen, ehrlich zu uns selbst zu sein und die Grenzen des Erwachsenseins aufzuweichen.

Dein Ausdruck ist von Bedeutung und genauso ist es meiner. Nicht für jeden, wahrscheinlich bloss für ganz wenige und vielleicht auch nur für dich und mich. Aber solange wir leben, können wir stets darauf zählen, dass unser Ausdruck zumindest für einen einzigen Menschen wichtig ist. In meinem ersten Blogartikel habe ich geschrieben: „Sollte ich mit meinen Worten auch nur eine einzige Person erreichen, die sich durch das Gelesene in irgendeiner Weise verstanden, berührt oder inspiriert fühlt, dann hat sich mein Traum bereits erfüllt“ und was wenn es die ganze Zeit ich selbst war, um die es ging? Was wäre so schlimm daran, wenn meine Texte lediglich dazu dienen, dass ich mich selbst verstanden, berührt und inspiriert fühle? 

In meinem Fall, kann ich mich unglaublich dankbar dafür schätzen, dass ich ein paar ganz besondere Menschen in meinem Leben habe, die mich genau so sehen möchten, wie ich es mich manchmal nicht zu zeigen traue. Menschen, die mich lieben, die aber auch mehr erfahren möchten, weil sie wissen, dass dieses „mehr“ Teil des Lebens ist und sich nicht davor scheuen, dem Leben in die Augen zu blicken. Aber wenn es diese Menschen nicht mehr geben würde, und im Leben wird es womöglich Zeiten geben, in welchen wir uns alleine fühlen werden, dann hätte ich immer noch mich selbst. Und je länger ich schreibe, desto klarer wird mir, dass es das ist, worum es geht: sich selbst anzuerkennen und zu sich selbst zu stehen. Mein Ausdruck schafft Verbindung, doch nicht nur zu anderen, auch zu mir.

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