Alle sprechen immer von diesem inneren Kind. Das Kind, das Heilung finden muss. Das innere Kind, das da, aufgrund einer getriggerten alten Verletzung oder wie es heute oft genannt wird „einem tief sitzenden Trauma“ zum Vorschein kommt. Dieses innere Kind, das dann getröstet werden muss. Das innere Kind, das seinen Frieden nicht zu finden scheint oder dem wir diesen Frieden schlichtweg nicht gewähren möchten. 

Dieses Konzept vom inneren Kind mag uns helfen, zu verstehen, weshalb wir uns gewissen Gefühlen hilflos ausgeliefert fühlen. Weshalb wir auf einen scheinbar harmlosen Impuls plötzlich unverhältnismässig stark emotional reagieren. Im besten Fall erlaubt es uns, uns selbst auf eine fürsorgliche, tröstende Weise zu begegnen. In manchen Fällen wird dieses innere Kind aber auch als Freipass dafür benutzt, anderen Menschen die pralle Wucht seiner Emotionen ungefiltert entgegen zu schleudern. Einem Kind kann man schliesslich nicht lange böse sein. 

Ich möchte gar nicht darüber urteilen, ob es nun gut oder schlecht ist, seine Muster und die damit verbundenen Gefühle an eine alte Version seines Selbst zu knüpfen. Wenn dies Linderung verschafft und dabei hilft, mehr Verständnis und Empathie für sich und andere aufbringen zu können, so hat es seinen Zweck. Was mich beschäftigt, ist die Art, wie das innere Kind von uns instrumentalisiert wird. Ist euch schon einmal aufgefallen, dass dieses Bild des inneren Kindes meist nur in Zusammenhang mit negativen, vergangenen Erfahrungen, schwierigen Mustern oder herausfordernden Emotionen verwendet wird? Wenn wir also wirklich davon ausgehen, dass da ein inneres Kind in uns schlummert, weshalb darf dieses dann erst zum Vorschein kommen, wenn es durch etwas getriggert wird? Weshalb darf es nur die, für uns unerwünschten, Emotionen, die sich unserer Kontrolle entziehen, ausleben? 

Das Kind, das da in uns schlummert, ist viel mehr als nur die Erklärung dafür, weshalb wir gerade nicht rational handeln können. Es ist viel mehr als der Sündenbock oder die faule Ausrede für immer wiederkehrende Verhaltensmuster. Nein, dieses Kind, das da in uns lebt, lebt. Es lebt ebenso durch die Dinge, die uns Freude bereiten, die uns ein Gefühl von Leichtigkeit, von purem Glück verschaffen. Dieses Kind möchte spielen. Es möchte ausprobieren. Es möchte erfahren, es möchte lernen und es möchte entdecken, was dieses Leben alles zu bieten hat. 

Als ich mich dazu entschieden habe, Kunsttherapeutin zu werden, war eines meiner Hauptmotive, einen sicheren Raum dafür zu schaffen, dass Menschen wieder einmal Kind sein dürfen. Dass sämtliche gesellschaftliche Normen, die uns sagen, wie wir sein sollen und wie wir uns als Erwachsene zu verhalten haben, zumindest für eine Stunde pro Woche aufhören zu existieren. Dass die Menschen, keine Rolle spielen müssen, dass sie dem, was in ihnen verborgen liegt, ihren ganz eigenen, einzigartigen Ausdruck verleihen können. 

Ich durfte bereits viele Male Zeugin dieses magischen Moments sein, in welchem die inneren Kinder sich zeigen und eins mit ihrem Erwachsenen werden. Ich sehe diese Kinder, wenn meine Freunde zu ihrer Lieblingsmusik tanzen, zu ihrem Lieblingssong in der Karaokebar grölen. Ich sehe diese Kinder, wenn sie an einer Party Spiele spielen. Ich sehe diese Kinder, wenn Leute zum ersten Mal eine neue Sportart oder ein neues Instrument lernen, den ersten Bissen von ihrem Lieblingskuchen nehmen und ich sehe diese Kinder, wenn wir ein Lagerfeuer machen, Barfuss durch Wiesen streifen oder einfach nur hoch in den Sternenhimmel schauen.

Wir tun diesen Kindern ein Stück weit Unrecht, wenn wir sie nur frei lassen, um die Gefühle, für die sie vermeintlich die Verantwortung tragen, loszuwerden. Wenn wir dieses Konzept schon leben, dann doch auch ganz. Dann sollen wir diesen Kindern einen sicheren Raum in uns geben, um zu tanzen, zu lachen, zu spielen, zu entdecken, um ihrer Neugier zu folgen und um all ihren Facetten einen Ausdruck verleihen zu können. Denn wie soll etwas Heilung finden, wenn wir ihm immer wieder das Gefühl geben, dass es nicht erwünscht ist? Wie soll es seinen Frieden finden, wenn wir es doch brauchen, um uns selbst mit unseren schwierigen Emotionen besser zu fühlen und ihm verwehren, uns mit seiner kindlichen Neugier und Naivität davon zu überzeugen, dass das Leben eine einzige, grosse Spielwiese ist? 

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